Rettet den Satire-Standort Deutschland! Warum die Republik mehr Böhmermänner braucht

10446330_10205553170219464_6561006741987888605_oVon Boris T. Kaiser

Der Satire-Standort Deutschland ist in Gefahr. Schon lange hinkt Deutschland in Sache Satire im internationalen Vergleich hinterher. Nicht so schwarzhumorig wie die –  spätestens seit Monty Python – für ihren Witz legendären Engländer, nicht so mutig wie die Franzosen und nicht so brachial wie die Niederländer oder die Amerikaner. Eine Cartoon-Serie wie „South Park“, in der Prominente deutlich erkennbar nachgezeichnet und mit echten Namen auf das Heftigste beleidigt werden, wäre in Deutschland undenkbar. Denn Satire darf bei uns, anders als allgemein angenommen, eben mitnichten alles. Im Gegenteil: Sie darf sogar, allein schon aus juristischen Gründen, eine ganze Menge nicht. Es war wohl unter Anderem das, was Jan Böhmermann mit seinem Gedicht verdeutlichen und anprangern wollte. Dass sich der Atheist Böhmermann dafür in jesuesker Weise selbst geopfert hat, ehrt den Entertainer, der immer mehr wollte als nur unterhalten. Dass seine Kritiker ihm genau das absprechen, ist verständlich, aber nicht gerechtfertigt. Viele sehen in Böhmermann einen Zyniker in der Tradition von Harald Schmidt. Er selbst ist von dem Vergleich genervt, was verständlich ist, denn obwohl die Parallelen auf den ersten oberflächlichen Blick unübersehbar scheinen, zeigt ein genaueres Hinsehen doch gewaltige Unterschiede. Harald Schmidt hat den Zynismus kultiviert wie kein Zweiter in Deutschland und ihn zu einer Haltung gemacht. Jan Böhmermanns Haltung ist eine Andere. Er hat immer eine Meinung zu den Dingen, die er satirisch bearbeitet und zeigt diese auch. Doch anders, als es beispielsweise in weiten Teilen des rechthaberischen deutschen Kabaretts verbreitet ist, lässt der 35-jährige Vollblutsatiriker das Publikum auch an seinen Zweifeln, nicht selten sogar an seinen Gedankengängen auf dem Weg zur fertigen Satire teilhaben. Anders als viele seiner Kollegen versucht Böhmermann nicht bloß, die vorgefassten Meinung seines Publikums zu bestätigen. Dass dies manchmal anders wirken mag, liegt daran, dass der Late-Night-Moderator und sein Publikum in vielen Punkten ganz einfach ähnlich ticken. Dass genau darin die Gefahr liegt, der eigenen Gefolgschaft zu sehr Zucker zu geben, ist Böhmermann bewusst, auch wenn er hier und da sicherlich nicht jeder Falle ausweichen kann. Applaus zu wollen, ist für einen Entertainer völlig legitim. Böhmermann würde aber nichts sagen, was seiner innersten Attitüde widerspricht, nur um beklatscht zu werden. Im Gegenteil; wer je mit ihm zusammengearbeitet hat, der weiß, dass er sich regelrecht schmutzig fühlt, wenn er im Nachhinein selbst merkt, dass er in die Falle des bloßen Beifallsabschöpfens seines – sich auf der politisch richtigen Seite wähnenden Publikums – getappt ist. Böhmermann will auch das sagen dürfen, was niemandem gefällt. Auch in einer Sprache, die niemandem gefällt. Wer ernsthaft glaubt, ein Kreativer von seinem Format hätte für seine Erdogan-Kritik keine andere Form finden können, die ähnlich viral gegangen wäre wie sein „Schmähgedicht“, der kann von dessen Arbeit in den letzten Jahren nichts mitbekommen haben.

Für mich war Böhmermann schon lange vor dem Erdogan-Skandal der große Missverstandene des deutsche Fernsehens. Ich erinnere mich an eine Folge seiner Show „Roche und Böhmermann“, in der unter anderem die Sat1-Moderatorin Britt Hagedorn zu Gast war. Der Gastgeber warf ihr während des Gesprächs vor, in ihren Sendungen „Menschen am Rande zur geistigen Behinderung“ vorzuführen. Im Laufe des Gesprächs wurde dies von den Gästen, vor allem von der anwesenden Marina Weisband, so interpretiert, als hätte Böhmermann sich abfällig über geistig Behinderte geäußert, obwohl das so ziemlich das genaue Gegenteil dessen war, was er beabsichtigt hatte. Spätestens seit dieser Sendung fühlte ich eine tiefe seelische Verbindung zu diesem Missverstandenen.

Die jetzigen Reaktionen der Öffentlichkeit auf sein Gedicht erinnern stark an die Zeit nach den Anschlägen auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“. Auf der einen Seite eine breite Front der Solidarität, in die sich leider auch Leute einreihen, die, sobald es sie selbst trifft, relativ wenig von Meinungs- und Satirefreiheit halten. Auf der anderen Seite geht mal wieder ein großes „Sowas-muss-ja-auch-nicht-sein“. durchs Land. Die Leute, die das sagen, haben sogar recht. So etwas muss wirklich nicht sein. Aber es muss möglich sein. Es muss vor allem auch möglich sein, ohne dass man danach eine Art Berufsverbot oder gar strafrechtliche Konsequenzen befürchten muss.

Vor wenigen Wochen hat sich der Ex-Viva-Moderator Niels Ruf selbst zur Persona non grata gemacht, indem er einen geschmacklosen Tweet zum Tod von  Roger Cicero verfasst hat. Die Fälle sind nicht vergleichbar. Niels Ruf ging es mit seinem Tweet allein um Provokation Jan Böhmermann geht es um deutlich mehr.

Es gibt eine Szene aus einer Folge der Arte-Serie „Durch die Nacht mit…“, in der Moritz Bleibtreu Oliver Pocher, nachdem der ziemlich sinnfreies Zeug über „hässliche Mütter mit hängenden Brüsten“ verzapft hat, deutlich macht, dass Provokation nur um der Provokation willen, nichts wert sei. (Die Szene findet sich auf YouTube unter dem Titel „Oliver Pocher’s erbärmlichste Minute“). Moritz Bleibtreu hat recht. Aber manchmal liegt der Sinn und die Legitimation einer Provokation schon darin, wen man damit provoziert. Jan Böhmermann hat mir seinem Gedicht genau den und die Richtigen provoziert.

Satiriker von seinem Format sind leider rar gesät in Deutschland. Nicht nur, weil er ein absolutes Ausnahmetalent ist, sondern auch, weil viele sich nur dann trauen, „mutig“ zu sein, wenn es keinerlei Mut erfordert. Religionskritik ist in Ordnung, aber nur, wenn es gegen das Christentum oder am besten gegen die katholische Kirche geht, Beleidigungen sind ok, solange sie niemanden ernsthaft beleidigen, und schwarzer Humor bitte nur bis ins maximal dunkelgraue. Dies sind die Gründe, warum es um den Satire-Standort Deutschland so schlecht bestellt ist. Um dies zu ändern, brauchen wir mehr Böhmermänner. Hoffen wir, dass sie bald kommen und dass der Staat sie nicht einsperrt.

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3 Gedanken zu “Rettet den Satire-Standort Deutschland! Warum die Republik mehr Böhmermänner braucht

  1. Die wenigsten nicht-linken vertreten in diesen Tagen diesen Standpunkt. Was ich schade finde, denn es geht hier definitiv um allgemeine Werte unserer Kultur, die es zu schützen gilt. Da sollte die betroffene Person erstmal nebensächlich sein.

  2. Leider erst heute gelesen. Trotzdem mein Statement: Böhmis Aktion selbst war richtig. Der Beitrag selbst hingegen war so grottenschlecht, dass man selbst mit James Camerons Deapsea Challenger das Niveau nicht mehr hätte heben können. Satire verlangt neben der Provokation eben auch zwingend nach Qualität und Inhalt. Am Ende ließ sich, auch und gerade nach Böhmis mehrwöchigem Abtauchen, nicht mehr unterscheiden, ob es sich um eine grandios platzierte Eigen-PR eines notorischen Egomanen oder doch um politische Satire in der Tradition eines Georg Kreisler oder eines Dieter Hildebrandt gehandelt hatte. Für die Satire in Deutschland daher nach meiner Einschätzung eine vertane Chance.

    Herzliche Grüße aus Bielefeld

    Michael Zimmer

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