Sie hat „Schusswaffe“ gesagt!

Von Boris T. Kaiser

Frauke Petry hat „Schusswaffe“ gesagt!  Das Wort gehört in Deutschland offenbar in die gleiche Kategorie wie „Autobahn“, also zu den Begriffen die „gar nicht gehen“. Die deutsche Sprache ist vermint und voller Sprengstoffbegriffe, die einen allgemeinen Empörungsreflex auslösen. Bei manchen Begriffen weiß man es schon vorher und kann sich ihrer bei Bedarf bedienen, um maximale Aufmerksamkeit zu bekommen, bei anderen Begriffen ist man oft überrascht, wie schnell die deutsche Sprachpolizei ausrückt. Frau Petry hat sicherlich gewusst was sie sagt, als sie meiner Heimatzeitung, dem „Mannheimer Morgen“, das Interview gegeben hat, das kurz darauf für bundesweite Empörung sorgte. In sofern ist sie an der geballten Schwarm-Dummheit, die ihr in der deutschen Öffentlichkeit jetzt entgegenschlägt, zu einem gerüttelten Maß selbst schuld. Dafür, dass die allgemeine Empörung wohl erst einmal auch nicht abflachen wird, kann sie sich auch bei AfD-Obergouvernante Beatrix von Storch bedanken, die auf Facebook die bewusst emotionalisierende Frage nach dem Grenzschutz vor Frauen und Kindern mit der Schusswaffe mit einem kurzen dümmlich einfachen „ja“ beantwortet hat. Abseits der allgemeinen Empörungskultur sollten wir es uns aber erlauben, uns einmal genau damit auseinander zu setzen, was tatsächlich gesagt wurde, und was „Schusswaffeneinsatz“ an der Grenze eigentlich bedeutet.

Zunächst einmal zurück zum Anfang der Empörungsspirale, dem Interview mit Frauke Petry mit dem „Mannheimer Morgen“:

„Ich habe das Wort Schießbefehl nicht benutzt. Kein Polizist will auf einen Flüchtling schießen. Ich will das auch nicht. Aber zur Ultima Ratio gehört der Einsatz von Waffengewalt. Entscheidend ist, dass wir es so weit nicht kommen lassen und über Abkommen mit Österreich und Kontrollen an EU-Außengrenzen den Flüchtlingszustrom bremsen.“

Die Aussage ist eigentlich ziemlich eindeutig und hat nur wenig mit dem zu tun, was kurz darauf in den Schlagzeilen proklamiert wurde. Dafür aber mit der Rede, die sie am selben Abend in Mannheim hielt. (Die entscheidende Stelle kommt ab 29:30)

Dennoch ist Frauke Petry, vermutlich nicht ganz unabsichtlich, in die Falle getappt, die sie selbst übrigens schon das gesamte Interview lang erahnt hatte.

http://www.morgenweb.de/nachrichten/politik/sie-konnen-es-nicht-lassen-1.2620328

Das öffentliche Echo nahm danach aber ein Ausmaß an, das wohl auch die gewiefte Wahlkampfstrategin der AfD nicht in vollem Umfang vorausgesehen hat. Sie hätte es besser wissen können. Schließlich sind bald drei wichtige Landtagswahlen und die anderen Parteien machen sich angesichts der eigenen Umfragewerte und der der „Alternative für Deutschland“ förmlich in die Hose. Dass auch ein Großteil der Öffentlichkeit diese Angst teilt, hat wohl damit zu tun, dass man in hierzulande immer der Meinung war, am deutschen Parteienwesen solle die Welt genesen. Nur zu gern hat man mit dem Finger auf die anderen Länder in Europa gezeigt, in denen „Rechtspopulisten“ bei Wahlen Werte um die 20% bekommen, man genoss seine vermeintliche deutsche intellektuelle Überlegenheit gegenüber den Amerikanern, die einen Donald Trump feiern und einen George W. Bush zum Präsidenten gewählt haben. Dass nun auch in Deutschland internationale Normalität einkehrt und man mit islamkritischen Tönen und Positionen rechts der Christdemokraten ähnlich hohe Werte in der Wählergunst erlangen kann wie im „doofen Ausland“, kommt für viele einem Abstieg Deutschlands von der Champions-League in die politische Europa-League gleich.

Um dies zu verhindern, können die Geschütze gar nicht schwer genug sein. Ein immer wieder gerne genommener Vorwurf: Die AfD wandele mit ihren Forderungen nach Schusswaffengebrauch an der Grenze auf den Spuren der DDR. Dass dieser Vorwurf meist aus Kreisen kommt, in denen man mehr oder weniger offen mit der SED und ihren Nachfolgern von der Linkspartei sympathisiert, sei dahingestellt. Die Blödsinnigkeit dieses Vorwurfs sollte man aber nicht so einfach im Raum stehen lassen. Es ist eben nicht das Gleiche, ob man jemanden am ungebetenen Eindringen hindern möchte, oder daran, auf eigenen Wunsch zu gehen. Wer es nicht glaubt, kann es ja mal zuhause in der eigenen Wohnung ausprobieren. Aber Vorsicht! Der Unterschied ist durchaus auch ein juristischer.

Die Leute, die sich jetzt über die vermeintliche Forderung danach, auf Flüchtlinge zu schießen, empören, sind übrigens die Gleichen, die sich in der Vergangenheit über die Errichtung von Grenzzäunen in Ungarn und anderswo empört haben. Wie man Menschen deren oberstes und einziges Ziel es ist nach Deutschland zu kommen, stattdessen an der Einreise hindern will, hat bisher noch keiner der Empörten verraten. Einzig die Binsenweisheit, man müsse Fluchtursachen bekämpfen, wird immer wieder vorgebracht. Dass sich die „Flüchtenden“ aber bis dahin gedulden werden, ist genauso unwahrscheinlich wie die Hoffnung, dass sie sich nur durch gutes Zureden an der Grenzüberschreitung hindern lassen werden. Die Grenzen und die Zuwanderung wieder in den Griff zu bekommen, ist aber mittlerweile erklärtes Ziel nahezu aller Parteien. Kein Mensch, der klar bei Verstand ist, kann wollen, dass auf friedliche unbewaffnete Flüchtlinge geschossen wird. Was aber wollen wir eigentlich tun, wenn die, die kommen wollen, nicht so entspannt und gewaltlos auf die Einlassverwehrung reagieren, wie es sich die Gutmenschen in ihrer grenzenlosen Naivität vorstellen? Dann bleibt uns nichts anderes übrig als Grenzzäune zu errichten, und ja, im Notfall auch zu schießen. Mit scharfer Munition in die Luft, oder, so schmerzlich das ist, auch Beispielsweise mit Tränengas und Gummigeschossen auf die gewaltsamen Eindringlinge.

Ich muss mich korrigieren. Es gibt natürlich noch eine andere Möglichkeit: Wir können uns mal wieder in „bester deutscher Art“ zurücklehnen, uns moralisch überlegen fühlen und darauf verlassen, dass Andere die Drecksarbeit für uns machen. Dann sollten wir aber auch so konsequent sein und unseren Grenzbeamten ihre bösen Waffen abnehmen um sie durch Konfetti-Kanonen und Schokoladenpistolen zu ersetzen. Wir müssen im Sinne der totalen Willkommenskultur natürlich drauf achten, dass die Schokolade kein Schweineblut enthält. Nicht, dass doch noch jemand von unserer Grenze abgeschreckt wird und die islamische Völkerwanderung ins Stocken gerät.

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4 Gedanken zu “Sie hat „Schusswaffe“ gesagt!

  1. Pingback: Sie hat „Schusswaffe“ gesagt! | brainfucker.de - Wertewandel

  2. Sehr schön. Man hätte noch erwähnen können, daß Boris Palmer von den Kinderfreunden dasselbe forderte, oder daß Horst Seehofer bereits im Jahre 2011 davon sprach, sich „gegen das Eindringen in die Sozialsysteme bis zur letzten Patrone (sic!)“ verteidigen zu wollen. Aber im Umgang mit der AfD gilt natürlich: Wenn drei das gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe.

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