Er war stets bemüht

11225257_10153404254354714_5700774111704688172_nVon Boris T. Kaiser

„Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben.“ so lautete einst Hitlers Weisung zum Umgang mit „Fahnenflüchtigen“. In Anbetracht dessen, was sich da auf dem Essener Parteitag und in der gesamten AfD mittlerweile so an politischen reaktionären, rechtsextremen politischen Wirrköpfen so zusammengerottet hat, ist man geneigt sich ernsthafte Sorgen um Bernd Lucke zu machen. Spätestens nachdem er jetzt das gemacht hat, was alle erwartet haben. Die von ihm einst erbaute politische Titanic verlassen, bevor sie endgültig auf den Eisberg der Geschichte auffährt und dort im Meer der Extremisten zerschellen wird, wie einst schon das stolze Schiff der Piratenpartei. Bernd Lucke wollte eine völlig neue Art von Partei gründen. Eine Partei der Vernunft, frei von den eingefahrenen Ideologien der etablierten politischen Klasse. Nicht bedacht hat er dabei, dass Parteien immer Ideologen anziehen, und dass neue Parteien vor allem all die Ideologen anziehen, die mit allen anderen Parteien schon durch sind. Lucke machte tatsächlich den gleichen Fehler wie vor nicht allzu langer Zeit die Piraten. Er unterschätzte zu lange die Gefahr der Unterwanderung durch Extremisten oder in vielen Fällen auch einfach nur Spinner. So wie die Piraten von linksextremen Deutschlandhassern, Radikal-Feministinnen und Israelfeinden geflutet wurde, holte die AfD im Laufe der Zeit immer mehr Deutschnationale, durchgeknallte Maskulinisten und vorwiegend antiamerikanische Verschwörungstheoretiker an Bord. 

Grund hierfür war auch Luckes stellenweise schier unfassbar ungeschickte Wortwahl in öffentlichen Äußerungen. Dachte man als er von „Entartungen der Demokratie“ gesprochen hatte noch, er wolle damit bei bestimmten Leuten bewusst einen Trigger-Begriff setzen, muss man ihm wohl spätestens seit seinem antirechtsextrem gemeinten „Weckruf 2015“ kontestieren, dass ihm einfach jegliche Sensibilität dafür fehlt, was gewisse Wörter bei den Menschen für Assoziation auslösen und was medial daraus gemacht werden wird. Ähnlich wie viele, aber mehr als fast jeder Andere in der einstigen Professoren-Partei AfD, hat Lucke zu oft vergessen, dass für einen Politiker eben andere Regeln gelten, als für einen Dozenten oder Publizisten. So sehr ich seine „Wenn-ein-Begriff-passt-dann-verwende-ich-ihn-auch-Haltung nachvollziehen kann und teile, so weiss ich doch, dass man sich bei der Verwendung provokanter Begriffe zumindest der Provokation bewusst sein sollte. Bernd Lucke war sich seiner „Provokationen“ nie bewusst. Weder in der Wortwahl, noch in seinem Umgang mit Parteifreunden. Lucke ist ein Professor wie er im Buche steht. Verkopft, etwas verschroben und wenig volksnah. Mit diesen Eigenschaften kann man vielleicht Präsident eines cognac-schwenkenden, zigarrenpaffenden Herrenclubs werden, für die Führung einer Partei, mit der man sich anschickt Volkspartei zu sein, sind sie wenig hilfreich. Lucke fehlt obendrein jedes Verständnis für Diplomatie und Kompromissbereitschaft. Er hatte ein grundlegendes Misstrauen gegen die Basis seiner Partei, was man wenn man sich diese Basis oder zumindest einen Großteil dieser so betrachtet auch durchaus verstehen kann. Nachdem es Lucke aber nicht geschafft hat diese Leute aus seiner Partei herauszuhalten, hätte er versuchen müssen sie so zu integrieren, dass sie sich gehört fühlen, aber dennoch möglichst wenig Schaden anrichten können. In anderen Parteien mit vielen radikalen Mitgliedern, wie beispielsweise der Linken, schafft man das in der Regel, indem man jedem Flügel irgendein Pöstchen zuschustert. Die machthungrige Frauke Petry hätte sich auf ein solches Spiel mit Sicherheit eingelassen, wenn man es ihr rechtzeitig angeboten hätte.

Apropos: Welches Verständnis Petry von der von ihrem Flügel so hochgepriesene Basis-Demokratie hat, zeigte sich kürzlich in einem Interview mit der Zeit. Dort tönte sie vermeintlich großzügig: „Selbst für Befürworter des Freihandelsabkommens TTIP ist in unserer Partei Platz, solange am Ende die Mehrheit zu einer Ablehnung zumindest dieses Abkommens steht.“ Man fragt sich, was sie dagegen machen wolle, wenn die Antiamerikaner und Systemgegner in ihrer AfD irgendwann nicht mehr die Mehrheit hätten. Aber diese Gefahr besteht für die neue „große Vorsitzende“ auf absehbare Zeit nicht. Sie ist umgeben von Leuten in „Stop Chemtrails!“ T-Shirts, Jürgen-Elsässer-Freunden und Politikern die nicht einmal das taktische Feingefühl haben, sich zumindest nicht klar und offen zu einer Bewegung wie „Pegida“ zu bekennen, die vielleicht einmal als islamkritische Bewegung begonnen hat, inzwischen aber in weiten Teilen zu einer wirren Mischung aus Verschwörungstheoretikern, Antisemiten und Rassisten geworden ist.

Viele werfen Bernd Lucke vor, dass er sich schon früh sehr stark, nicht nur gegenüber „Pegida“, sondern gegenüber jeder noch so berechtigten Form von Islamkritik, abgegrenzt hat. Mit diesem Vorwurf haben die Leute recht. Es war erstens alles andere als ein klares Bekenntnis zu unseren westlich, liberalen Werten, denen der Islam ganz eindeutig widerspricht, und zweitens Wasser auf die Mühlen all jener die jetzt seinen Abgang und den durch und durch rechtskonservativ bis rechtsextrem besetzten neuen Vorstand als großen Triumph für die Meinungsfreiheit feiern.

Was diese Leute unter Meinungsfreiheit verstehen haben sie auf dem Parteitag in Essen überdeutlich bewiesen. Bernd Lucke, seine Anhänger und jeder der politisch nicht genehm war, wurde angepöbelt, beschimpft, ausgepfiffen und niedergebrüllt. Ein Verhalten, wie man es eben Extremisten jeglicher Couleur erwartet, nicht aber von einer Partei, die von sich immer noch behauptet, im Kern liberal/konservativ zu sein. Von den Parlamentariern des Lucke-Flügel will Petry jetzt ihre Mandate zurück an die Partei gegeben wissen. Verständlich, hätte sie sich aber überlegen müssen, bevor sie mit ihrer Art und Weise der Machtergreifung große Teile der Partei für immer vergrätzt hat. Durch einen faireren Umgang mit den auf dem Parteitag unterlegenen Andersdenkenden in ihrer Partei und dadurch, dass sie schon im Vorfeld darauf hingearbeitet hätte, dass der von ihr geführte Vorstand zumindest etwas ausgewogener besetzt wird, hätte sie ein erstes mal Führungsstärke beweisen können. Ihr Ego ließ dies offenkundig nicht zu.

Luckes Traum von einer Partei der Vernunft, fern ab der alten in der Realität der Menschen längst ausgedienten politischen Denkmuster, ist ausgeträumt. Er wurde von Ideologen der schlimmsten Sorte zum platzen gebracht. Der Bedarf und die Sehnsucht bei der normalen Bevölkerung nach einer solchen Partei bleibt bestehen. Leider dürfte dieses Verlangen auf absehbare Zeit nicht gestillt werden, schon gar nicht vom gescheiterten Bernd Lucke und seiner etwaigen neuen Partei. Er hatte und hat wohl den Willen dazu, allein ihm fehlen die Fähigkeiten. Müsste man Herrn Lucke ein Zeugnis für seine politische Arbeit ausstellen, würde man ihm wohl bescheinigen: Er war stets bemüht.

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