Die Scharia-Polizei auf Streife durchs Internet

Von Boris T. Kaiser

Die Schauspielerin Sila Sahin muss gerade einen empörten Shitstorm über sich ergehen lassen. Grund ist ein Bikini-Foto von ihr, das sie auf Instagram gepostet hat. Wenn ein Bild von einer jungen hübschen Frau im Bikini im Jahr 2015 einen derartigen Sturm der Entrüstung auslöst, muss es sich schon um eine extrem sexistische, versaute, unmoralische oder sonst irgendwie besonders obszöne Aufnahme handeln, sollte man meinen, und normalerweise wäre dies wohl auch so. In diesem Fall aber reicht es aus, dass Sila Sahin einen muslimischen Hintergrund hat. In den Kommentaren heißt es unter anderem: „Unser Glauben sagt, dass man sich bedecken muss und sich nicht präsentieren darf – wieso machst du dann so was?“, außerdem wird sie  von Glaubensgenossen unter anderem dazu aufgefordert, eine Burka anzuziehen.

Sila Sahin versucht, das zu leben, von dem uns Islamversteher und muslimische Verbände immer wieder erzählen, dass es ganz normal und alltäglich wäre, sie will ihrem muslimischen Glauben nachgehen und gleichzeitig einen westlich, freiheitlichen Lebensstil pflegen. Sie war bereits mit freizügigen Fotos im „Playboy“ zu sehen, hat sich aber auch schon öffentlich mit Kopftuch gezeigt. Genau diesen Spagat nimmt man ihr in der muslimischen Community übel. 

Ich kenne dieses Phänomen der „Scharia-Polizei auf Streife durchs Internet“ sehr gut. Ich bin viel in den sozialen Netzwerken und auch auf Livestream-Diensten wie „YouNow“ oder „Meerkat“ unterwegs. Wenn man dort einer jungen Frau im Livestream zuschaut, kann man förmlich die Uhr danach stellen, wann irgendwelche kleinen, pubertären Moralapostel auftauchen und das Mädchen zurechtweisen, wie sie sich dem Koran entsprechend zu verhalten habe. Dazu muss sie sich nicht einmal besonders „sexy“ oder sonst in irgendeiner Weise vermeintlich anstößig präsentieren. Es kann auch schon genügen, dass sie vor der Webcam Kartoffelchips isst die nicht „ḥalāl“ sind, oder einen eine koffeinhaltige Limonade eines amerikanischen Großkonzerns trinkt, dessen Einnahmen angeblich direkt an den Erzfeind Israel fließen. Meist sind diese Moralapostel wohl irgendwelche pickligen, kleinen, sexuell frustrierten Nachwuchsmachos, die denken, „wenn mich die Frauen schon nicht ran lassen, dann sollen sie wenigstens gänzlich keusch sein“, Islamistische Patriarchen in spe, die den eigenen Einflussbereich schon einmal probeweise über die eigene Schwester hinaus ausweiten wollen. Immer häufiger kommen solche islamistischen Kommentare, die eine Frau und ihre freie Entfaltung einschränken wollen, aber auch von anderen jungen muslimischen Frauen, und nicht immer richten sie sich „nur“ an vermeintliche Glaubensgenossinnen. Was im Internet geschieht, sollte man in der Regel nicht zu ernst nehmen und wahrscheinlich leben viele dieser islamistischen Wertewächter in der Realität ein völlig anderes Leben, als sie es im Internet predigen. Der Inhalt und die Flut ihrer Kommentare machen aber zumindest sehr deutlich, welch reaktionäres Gedankengut bei vielen muslimischen Jugendlichen offenbar mittlerweile Mainstream ist und was für eine Generation von Moslems da nachwächst. Vor allem zeigen sie aber wohl, dass man sich als Frau in der heutigen Zeit eben doch entscheiden muss zwischen Islam und Freiheit.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Die Scharia-Polizei auf Streife durchs Internet

  1. Scharia-Polizei auf Streife durchs Internet – Das Phänomen, das Sie hier fürs Internet beschreiben, kenne ich sehr gut, nämlich in der Realität aus meiner Arbeit mit Migranten, von denen ein Großteil Muslime sind. Deshalb halte ich das Beschriebene für einen Spiegel der Realität und von daher sind solche Scharia-Shitstorms sehr bedenklich.
    Ich bin auch der Meinung, dass die Scharia-Wächter auf der Straße wie im Internet nicht islamistisch, sondern islamisch sind, denn es wird schließlich nur das eingefordert, was ein von Gott diktierter Koran und die Hadithen vorgeben bzw. das kritisiert, was gegen diese verstoßen. Eine Religion, die bis ins kleinste Detail vorschreibt, wie man regelkonform zu leben hat, kann gar nicht anders als dieses Phänomen zu erzeugen.
    Und ich kann bestätigen, dass in den muslimischen Gesellschaften ein enormer sozialer Druck herrscht, sich regelkonform, bzw. muslimisch korrekt zu verhalten. Das sind keine Salafisten, sondern durchschnittliche Muslime. Die Religion und ihre Regeln sind permanent Thema: Ist kein Kopftuchtragen im Islam möglich? Selbst Frauen, die keins tragen, verneinen dies und geloben Besserung. Ist diese oder jene Speise haram oder halal? Die Meinungen gehen hierbei außer beim Schweinefleisch doch sehr auseinander! Mit welcher Hand esse ich, wie und wann bete ich… Welche Körperbehaarung darf entfernt werden? Darf ich die Augenbrauen zupfen oder nicht? Wie viele Frauen darf ein Mann haben? Was sagt der Prophet?
    All diese Diskussionen werden nicht tolerant nach dem Motto „Jeder wie´s ihm beliebt“, sondern immer kategorisch und im Imperativ formuliert. Und wenn sich jemand nicht regelkonform verhält, ist die Empörung groß, z.B. bei Nichteinhalten des Fastens während des Ramadans. Das ist Islam und nichts anderes!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s