Öffentliches Mitgefühl

Von Boris T. Kaiser Eigentlich wollte ich mich zum Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 nicht äußern. Ich finde wenn man von so einer Tragödie nicht direkt betroffen ist kann man auch einfach einmal schweigen. Womit ich nicht pauschal alle diskreditieren will, die öffentlich in angemessener Form ihre Trauer Betroffenheit zum Ausdruck gebracht haben. Ich glaube auch, dass diese bei den meisten echt und ehrlich war, ganz einfach weil jeder normaltickende Mensch von so einem schrecklichen Drama geschockt ist und mit den Opfern und ihren angehörigen mitfühlt, auch wenn es einige da draußen in den Unweiten des Internets gibt die das generell in Abrede stellen, mit der Begründung, dass die Leute viele Menschen die so tagtäglich sterben nicht in der gleichen Weise betrauern würden und ihr jetziges Mitgefühl daher heuchlerisch wäre. Jene die so etwas behaupten sind die Gleichen die sich auch bei dem Tod von Promis über die „Rest in Peace“-Bekundungen der Fans in den sozialen Netzwerken aufregen  weil sie sagen, dass die Menschen die Promis doch gar nicht persönlich gekannt hätten und daher auch nicht wirklich um sie trauern könnten. Aber das ist Blödsinn. Wenn ich einen Künstler und seine Arbeit sehr geschätzt habe, ihn und seine Kariere vielleicht auch schon über einen langen Zeitraum intensiv verfolgt habe, bin ich natürlich traurig wenn dieser stirbt. Dass die Großmediale Verarbeitung von Tod und Tragödien die Trauer und das Mitgefühl verstärken mag richtig sein, echt sind diese Gefühle dennoch. Als Michael Jackson gestorben ist und seine Kinder auf seiner Beerdigung diese ergreifend schönen Worte über ihren Vater sprachen, da habe ich geweint. Nicht „nur“ über den Tod eines großen Künstlers und offenbar guten Vaters, sondern auch darüber, dass diesem Mann sein Leben lang so viel Unrecht widerfahren ist. Wer die Echtheit solches Mitgefühls in Abrede stellt sollte sich ernsthaft über seine persönliche Fähigkeit zur Empathie Gedanken machen. Meist regen sich über öffentliche Trauerbekundungen tatsächlich auch genau die Leute auf, die nie mit irgendjemand Mitleid haben außer mit sich selbst. Menschen die das ganze Jahr über nichts anderes twittern als über ihre First-World-Problems und darüber rumheulen, wie gemein alle Welt zu ihnen ist, werden wenn es um andere geht auf einmal zu einer bizarren Mischung aus Knallhartem Zyniker und gewissenhaften Mahner mit einem ausgeprägten Gefühl für die allgemeine Ungerechtigkeit in der Welt. Dennoch haben sie in einem Punkt ein wenig Recht, auch wenn dieses Rechthaben vor allem aus ihrer Selbstgerechtigkeit heraus resultiert. Aber so Mancher der sich da öffentlich zu der Tragödie geäußert hat hätte vielleicht tatsächlich besser geschwiegen. Vor allem bei manchem Prominenten wurde man das Gefühl nicht los, dass es ihm in erster Linie darum ging möglichst viel Aufmerksamkeit für sich und seine Beileidsbekundungen zu bekommen. Vorwiegend waren das Prominente von denen man bis dato gar nicht wusste, dass es sie noch gibt, Bzw. an die man schon sehr lange keinen Gedanken mehr verschwendet hat. Irgend so eine Trulla von der Castingband „Monrose“, deren Namen ich nicht mal kenne, und die es mir auch nicht wert ist ihn noch einmal zu googeln, hat ein Video gepostet in dem sie öffentlich leidet als sei sie selbst das Hauptopfer dieser Tragödie. Völlig aus dem Ruder gelaufen ist der Umgang unserer sogenannten Prominenz mit dem Thema aber nachdem sich der Möchtegern-Rapper „Money Boy“ via Twitter in geschmackloser Weise zu den Absturz geäußert hat. Wer „Money Boy“ kennt der weiß, er ist ein absoluter Vollidiot, wenn auch nicht im akademischen Sinne, er hat erfolgreich Publizistik und Kommunikationswissenschaften studiert, (was viele wohl nicht gewusst haben werden, worüber sie sich aber vielleicht mal Gedanken machen sollten, bevor sie das nächste Mal auf eine seiner idiotischen Äußerungen aufspringen und ihm damit zu maximaler Aufmerksamkeit verhelfen) wohl aber im menschlichen und künstlerischen Sinne. „Money Boy“ geht es einzig und allein um Aufmerksamkeit durch Provokation. Wer in seine Äußerungen irgendeine Form von Satire oder sonst etwas tiefgründigeres hineininterpretiert hält Franz Josef Wagner wahrscheinlich auch für einen großen Philosophen und sensiblen Briefeschreiber. „Money Boy“ ist ein Vollidiot und er war immer ein Vollidiot. Aber man kann einen Vollidioten auch einfach mal ignorieren und die Medien und so einige Promis hätten gut daran getan das zu beherzigen. Die Äußerungen des Wiener Blöd-Rappers hätten sich in der Bedeutungslosigkeit von Twitter verloren und mit etwas Glück hätte nie ein Angehöriger der Opfer des Flugzeugabsturzes davon erfahren. Ignorieren ist das einzige was einen Profilneurotiker wie Money Boy wirklich schmerzt und wäre das Mittel der ersten Wahl gewesen. Stattdessen klinkte sich Jan Leyk in die Diskussion ein, ein ehemaliger „Berlin Tag und Nacht“-Laiendarsteller und selbsternannter Experte für alles, wobei seine Lösung für alles immer die Gleiche ist: Schläge. Egal ob es um Sebastian Edathy geht, um Money Boy oder einfach nur um Frauen, Jan Leyk will immer zuschlagen. Diesmal hat er sogar via Facebook die massen dazu aufgerufen gemeinsam nach Wien zu fahren und Money Boy zu verprügeln. Bildschirmfoto 2015-03-27 um 22.49.58Jan Leyk versucht in seiner grenzenlosen Klickgeilheit in letzter Zeit immer wieder sich zu einer moralischen Instanz aufzubauen, weil es neulich bei seinen volkstümlichen Äußerungen über Sebastian Edathy so gut geklappt hat. Deshalb sollte man hier vielleicht ein für allemal klarstellen: Jan Leyk ist keine moralische Instanz!!! Jan Leyk ist einfach nur ein Berlin-Tag-Und-Nacht-Voll-Assi, der größenwahnsinnig geworden ist und sich als neuer Führer an die Spitze der Wutbürger setzen will. Nach dem Aufruf zur Massenschlägerei hat Leyk auch noch noch ein Video zum Thema 4U9525 gepostet, nicht so stümperhaft wie diese Monrose-Tussi, sondern in emotionalem und tiefgründigen schwarzweiß. In dem Facebook-Video betonte er noch einmal ganz doll, dass es ihm wirklich nicht um Facebooklikes ginge, aber dass er sich als öffentliche Person natürlich zu öffentlichen Themen äußern müsse. Offenbar hält der Typ sich für sowas wie den Sonder-Bundespräsident fürs Prekariat. Man hätte ihm fast abnehmen können, dass ihm an den Opfern des Dramas und ihren angehörigen wirklich etwas gelegen sei, wenn er nicht wenig später einen wirren Verschwörungstheoretiker Text auf seiner Facebookseite geteilte hätte.Bildschirmfoto 2015-03-27 um 22.50.46 Spätestens mit dem teilen dieses Textes hat er gezeigt, dass ihm die Angehörigen jener die bei diesem Flugzeugabsturz ihre Liebsten verloren haben, gründlich am Arsch vorbei gehen, sonst würde er sie in ihrem Schmerz nicht mit solchen hanebüchnen Theorien verwirren und verletzten. Natürlich waren „Money Boy“ und sein geheimer Bruder im Geiste Jan Leyk nicht die einzigen die versucht haben aus der Tragödie medialen Profit zu schlagen. Die für lange Zeit in der Versenkung verschwunden Rapperin „Kitty Kat“ hat die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und einen Disstrack gegen Money Boy aufgenommen.

Andere Leute aus der Hip-Hop-Szene äußerten sich ebenfalls in verschiedenster, in meinen Augen meist unangebrachter Form. Auf einmal war aus einer unbeschreiblichen Tragödie ein Rap-Beef-Ding gewoden, etwas worüber man in punchlines spricht. Ich bin seit meinen Teenagertagen Hip-Hop-Fan, ich liebe harte Texte und Battlerap und Disstracks, aber ich finde dieses Thema ist dafür denkbar ungeeignet. Natürlich, kann man jedes Thema früher oder später künsterisch verarbeiten, wenn man dies möchte, ich wäre eher für später, aber auf dem Rücken von Toten sollte man keinen banalen Streit unter Rappern austragen. Kitty Kat hat ihren Disstrack im Vorfeld mehrfach groß angekündigt, und vor dem Disstrack sogar einen Werbe-Teaser dazu veröffentlicht.Bildschirmfoto 2015-03-28 um 19.49.15Bildschirmfoto 2015-03-28 um 19.48.47
Auch hier gilt: Spätestens ab diesem Zeitpunkt habe ich ihr ihre Empörung nicht mehr abgenommen. Es wirkte wie ein erschreckend kühl berechnender Promo-Move einer seit Jahren irrelevanten, mittelmäßigen Sprechgesangskünstlerin, wie der verzweifelte Schrei nach Aufmerksamkeit einer vergessenen Veteranin der Berliner Rap-Ära, wie der letzte Versuch noch einmal etwas von Wert zu schaffen, leider in erster Linie von Wert für die eigene Karriere. Aber was ist all diese unbedeutenden popkulturelle Leichenfledderei schon gegen die ekelerregende Vereinnahmung der Toten durch die große Politik. Ich kann und will nicht verstehen, warum Angela Merkel zum direkten Ort der Tragödie fliegen musste, um sich dort für die Kameras zu präsentieren. Sicher, sie hat als Bundeskanzlerin in dieser schweren Stunde da zu sein, vielleicht muss sie auch in das Land reisen in dem es passiert ist, aber sie muss nicht an die Absturzstelle. Was soll das bringen? Die Bilder vermittelten einen Hauch von „Miss Marple besichtigt den Tatort“, Erkenntnis Gewinn gleich null. Jetzt regen sich alle über den Umgang der Bildzeitung mit den neusten Erkenntnissen um den mutmaßlichen Amokpiloten auf, vermutlich zu recht, aber die Tragödie im öffentlichen Umgang mit der Tragödie hat schon sehr viel früher begonnen.

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