Schwarzes Mannheim

Von Boris T. Kaiser

Für meine Gonzo-Reportagen bin ich immer auf der Suche nach Themen über die es sich zu schreiben lohnt. Dies ist nicht immer ganz einfach, da diese Themen gewisse Mindestvoraussetzungen erfüllen müssen, die sich von  denen in anderen Blogs oder journalistischen Berichten deutlich unterscheiden. Diese Mindestvoraussetzungen im Einzelnen zu definieren ist schwierig. Zusammengefasst könnte man sagen: Es muss immer ein gewisser Hauch von Wahnsinn über der ganzen Sache liegen. Vor diesem Hintergrund bin ich auf die EBM-Musik und darüber auf die  „Schwarzes Mannheim“ -Partys im MS-Connexion in Mannheim gestoßen.  Ich wusste noch dass ein alter Freund, ein Mannheimer Musikproduzent, Anhänger der EBM-Szene war und regelmäßig auf entsprechenden Partys verkehrte. Also schrieb ich ihm eine Nachricht bei Twitter und fragte ihn, wann und wo die nächste Party sei, auf der EBM-Musik läuft. Er nannte mir eben jene „Schwarzes Mannheim“ -Partys im MS-Connexion und lud mich ein, ein paar Wochen später mit ihm mitzukommen. Das Publikum auf der Party beschrieb er mir im Vorfeld wie folgt: „Ein bunter Haufen, von rechts- bis linksradikal alles dabei.“ Diese Beschreibung  und die Tatsache, dass ich gehört hatte, dass man ins MS-Connexion an manchen Abenden seinen Hund mitbringen darf, sorgte bei mir in den folgenden Tagen Bzw. Nächten für einem Alptraum.  In dem Alptraum war ich auf einer Party der „Schwarzen Szene“ und trug bei diesem Besuch aus irgendeinem Grund, den nur der große Sandmann persönlich kennt, ein knall-gelbes T-Shirt unter meinem schwarzen Poloshirt. Dies machte mich nicht sonderlich beliebt bei den Leuten dort. Und auch nicht bei dem, und jetzt kommt‘s, sprechenden Pitbull der dort rumstreunte. Der sprechende Pitbull nahm meine Hand in die Schnauze und verhöhnte mich  und meine Angst. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hat der Pitbull nicht direkt gesprochen, das konnte er ja nicht mehr, schließlich hatte er ja meine Hand im Maul. Er übertrug mir seine Veröhnungen durch eine Art von Hund-Mensch-Telepathie. Was mir im Nachhinein am stärksten in Erinnerung geblieben ist, war die merkwürdige Stimme mit der der Pitbul seine Gedanken an mich übertrug. Es war keine Stimme wie ich sie von einem Pitbul erwartet hätte, so ich denn erwartet hätte jemals einen Pitbull zu mir sprechen zu hören. Es war keine dunkle, tiefe, harte Stimme. Im Gegenteil: Die Stimme war hell und quietschend. Eigentlich eine klassische Stimme, wie sie Bauchredner für Maulwürfe, Paradiesvögel oder rosa Elefanten verwenden. Aber diese Fistelstimme machte seinen Hohn nur noch bösartiger.  Als ich aufwachte war ich schweißgebadet. Als der Abend der Party gekommen war, musste ich nochmal kurz an den Alptraum denken, allerdings mit einem Schmunzeln, und zwar als mich der kleine Mops meines Freundes an der Tür begrüßte.  Ich hatte für die Party zu meinem eigenen Schutz nur 50 Euro dabei. Ich wollte ja nicht meinen journalistischen Blick vom Alkohol nicht zu sehr trüben lassen, zumindest nicht an diesem Abend. Dies sollte keine meiner klassischen Alkohol-Exzess-Reportagen  werden, sondern ein zumindest im Ansatz seriöses Szene-Portrait. Dies hielt mich aber natürlich nicht davon ab, bei meinem Kumpel zwei solide gemischte Whisky -Cola zu trinken. Ich meine, wenn ich hätte wirklich konsequent sein wollen, hätte ich schließlich auch meine Bankkarten zuhause lassen müssen, um mir die Möglichkeit zu verwehren in Club  irgendwann neues Geld für noch mehr Alkohol abzuheben. Diese teuflische Möglichkeit gibt es im Connexion nämlich an jeder Ecke. Nun sei’s drum… Wir gingen los und nach kurzem Anstehen betraten wir den Club.  Zunächst sah ich hauptsächlich Anhänger der Gothic-Kultur, in den Gängen stehen, die sich alle erschreckend normal verhielten. Dann aber kamen wir zu einem der Dancefloors. Was ich dort sah flasht mich noch heute:  Genial enthemmte Menschen die auf wummernde Beats tanzten. Frauen in Netzstrumpfhosen und Strapsen die eine sexuelle Energie ausstrahlten, wie sie kein Stripclub von hier bis nach Las Vegas, kein Aktgemälde der Geschichte und kein noch so geiler Hardcore-Porno des gesamten World Wide Webs zu bieten hat. Männer in Uniformen die trotz ihrem martialischen Erscheinungsbild keinerlei Aggressionen und Hass ausstrahlten, sondern nur Liebe, Freude an der Musik und radikales anders sein. Was sich hier vollzog war keine einfache Party, es war eine Demonstration gegen die Gleichförmigkeit unserer Gesellschaft, ein gelebtes, getanztes Statement gegen die weichgespülte, einheitliche H&M-Hemden-tragende Welt da draußen. Es war, wenn man so will, musikalischer Gonzo. Rechtsradikale habe ich übrigens, zum Glück, kaum welche dort gesehen. Auch wenn man das nicht immer so ganz hundertprozentig sagen kann, da die Uniformen der EBMler teilweise schon sehr an Uniformen der Zeit des Dritten Reiches erinnern, was häufig aber auch eine Verballhornung jener Zeit und ihres Militarismus ist. Die Leute die ich etwas näher beobachten konnte, machten mir jedenfalls in der absoluten Mehrheit nicht den Eindruck als ob sie mit dieser rechtsradikalen Kacke ernsthaft sympathisieren würden. Eher im Gegenteil. Letztendlich kann ich nur jedem Raten sich die Sache einmal selber anzusehen. Zumindest jedem der bereit ist, mit der nötigen Offenheit an neue ungewöhnliche Welten heranzutreten und keine Angst hat sich auf etwas neues so völlig anderes einzulassen. Und allen anderen kann ich nur einen meiner Klassiker entgegen rufen: Ihr müsst offener werden, Leute!

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