Candlelight-Dinner

Von Boris T. Kaiser

Neulich hatte ich ein Date. Tanja hatte mich zu einem Candlelight-Dinner eingeladen. Candlelight- Dinner sind aus verschiedenen Gründen, die ultimative Verabredung. Nicht nur, dass diese Form der Zweisamkeit durch zahlreiche Hollywoodschnulzen auf der Romantikskala ganz oben steht, es gibt auch noch zwei weitere wichtig Vorteile:Zum einen hat ein Essen im Kerzenschein den Vorteil, dass es nicht allzu hell ist. Das kommt gerade einer Hackfresse wie mir sehr entgegen. Schon früher auf Klassenfotos war ich immer der Hässlichste. Was mich damals oft zu dem Satz hinriss: Auf Fotos sehe ich immer scheiße aus. Aber Benjamin von Stuckrad Barre hat Recht: „Das kommt daher, weil ich ja nun mal scheiße aussehe, ganz einfach. Denn Fotos sind Fotos und bilden den Ist-Zustand ab, da gibt es nichts dran zu rütteln, Pech gehabt, Arschloch.“ Dunkelheit ist also sehr zu begrüßen. Der andere große Vorteil solcher Candlelight- Dinner ist: Es wird dort fast immer Alkohol serviert. Ein guter Wein macht eine lockere Zunge und bring einen leichter ins Gespräch. Das ist nämlich oft das Hauptproblem bei solchen Dates, dass man beim ersten Treffen zu zweit nicht so richtig weiß worüber man mit dem Menschen, der einem da gegenüber sitzt, eigentlich sprechen soll. In leicht angetrunkenem Zustand kann man sich mit jeder noch so dumpfbackigen Person auf ein Thema einigen und entdeckt Gemeinsamkeiten, wo im nüchternen Zustand gar keine sind. Auch hat man Frauen, mit denen man sich zu Rendezvous verabredet, ja auch meist in betrunkenem Zustand kennen gelernt. Auf einer Party, in der Disco oder in der Schule. So bleibt man beim ersten richtigen Date erst mal auf einer Ebene, und keiner ist gleich enttäuscht. Als Vorspeise servierte mir Tanja eine Kartoffelsuppe. Ich mag diese dicken Suppen. Früher waren die ja eher ein Armeleuteessen. Heute gibt es sie auch in 5-Sterne-Restaurants. Mit Recht, sie sind nämlich einfach lecker. Und in Zeiten in denen immer mehr junge dynamische Anlagemanager und Finanzberater von der „Deutschen Bank“ auf die Parkbank wechseln, erscheinen einem Armeleuteessen in Luxusrestaurants ja auch gar nicht mehr so ungewöhnlich.  Danach gab es das beste Kalbsteak meines Lebens. Das hat mich gefreut. Ich habe vorher noch gedacht: Hoffentlich ist die Frau keine Vegetarierin, heute habe ich Lust auf Fleisch! Dann gab es nichts mehr. Denn leider macht Wein nicht nur eine lockere Zunge sondern in ihm liegt – wie ein Sprichwort sagt – auch die Wahrheit. So fing ich an, die Wahrheit zu sagen, erzählte von meiner Ex und meinem Liebeskummer. Nun hatte es keinen Sinn mehr zu bleiben. Ich bin gegangen sozusagen. Ohne Nachtisch ins Bett. Aber was soll’s, immerhin hatte ich das beste Kalbsteak meines Lebens.

© by Boris T. Kaiser

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